Regenschirme schützen Inderinnen – nicht vor Regen

Regenschirme als Waffe in Notwehrsituationen

Nach ausgiebigen Streifzügen durch die Polizeiberichte der lokalen Presse mussten wir in der Vergangenheit schon häufiger darüber berichten, dass sich ein Regenschirm keineswegs nur bei unfreundlicher Witterung bewährt: Vielmehr werden insbesondere die etwas robusteren Stockschirme bisweilen gern dazu genutzt, um der eigenen Argumentation bei aus den Ruder laufenden Streitigkeiten das entscheidende Plus an Nachdruck zu verleihen. Dass man jedoch selbst aus dieser Unsitte noch immer eine Tugend machen kann, lässt eine im letzten Herbst gestartete „PR-Aktion“ von Vodafone in Indien erahnen.

Nachdem es sich offenbar bis in die britische Zentrale des Mobilfunkanbieters herumgesprochen hatte, dass der Umgang mit dem schöneren Geschlecht im südasiatischen Raum nicht in allen Fällen den strengen Prinzipien des Freiherrn von Knigge entspricht, macht Vodafone nun schon seit einigen Monaten mit einem ziemlich pragmatischen Lösungsansatz von sich reden. Jenen Kundinnen, die im bevölkerungsreichsten Land der Welt das mobile Bezahlsystem M-PESA nutzen, gibt der Konzern seither auf Wunsch kostenlose Regenschirme an die Hand, auf deren Bezug sieben kleine Piktogramme per Siebdruck aufgebracht sind. Diese sind aber keine Firmenlogos oder Claims – sondern vermitteln einen Crash-Kurs in Sachen Selbstverteidigung.

Dabei hat es freilich einen handfesten Hintergrund, dass ausgerechnet Vodafone seinen indischen Kundinnen indirekt empfiehlt, Angreifern den als Werbeartikel überreichten Stockschirm  – beispielsweise – im Bedarfsfall beherzt über den Schädel zu ziehen: Schließlich wird das in Indien in Ermangelung von klassischen Konten weit verbreitete mobile Bezahlsystem M-PESA oftmals von in der Fremde arbeitenden Familienvätern genutzt, um den Daheimgebliebenen den Lebensunterhalt zukommen zu lassen. Auf eben diesen Monatslohn hatten es in letzter Zeit allerdings auch verstärkt Kriminelle abgesehen, die sich darauf spezialisierten, den bis vor kurzen gänzlich schutzlosen Frauen nach dem Geldempfang aufzulauern.

Der von Vodafone präsentierte Selbstverteidigungs-Schirm(„The Self-Defense Umbrella“) scheint nun aber dennoch allenfalls in die Kategorie „Werbegeschenke für Hartgesottene“ zu fallen – zumal die in der Signalfarbe Orange gestaltete „Waffe“ erst recht auf das soeben frisch befüllte Portemonnaie der Besitzerin aufmerksam macht. Auch das etwas unhandliche Format des Stockschirms mit Rundhakengriff dürfte den Inderinnen wohl kaum dabei behilflich sein, bei einem plötzlichen Angriff Gesetz und Ordnung zu verteidigen: Als passendere Werbegeschenke hätten sich an dieser Stelle vermutlich eher die griffigeren Taschenschirme erwiesen, die auch hierzulande nicht ganz zufällig besonders oft in den Handtaschen von Frauen zu finden sind.

Angesichts solcher Einwände liegt der Verdacht natürlich nahe, dass es Vodafone mit dieser „Kampagne“ vielmehr auf Publicity denn auf eine tatsächliche Bewaffnung der indischen Handy-Besitzerinnen abgesehen hat: In einem Rundbrief an die eigenen Mitarbeiter wurde der ziemlich bescheuerte selbstgefährdende Regenschirm im Juli 2015 zunächst allerdings ganz ironiefrei als bestärkender Faktor für „selbstbewusste Frauen“ angekündigt und auch ein Werbefilm dazu existiert auf YouTube: