Patrick Macnee ist tot

Der Mann, der Melone und Schirm salonfähig machte

Das Bild des britischen Gentlemen wurde in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts maßgeblich von Patrick Macnee geprägt: Obwohl die hierzulande unter dem Titel „Mit Schirm, Charme und Melone“ ausgestrahlte Serie „The Avengers“ bereits ins den 1960er-Jahren über den Bildschirm flimmerte, wussten auch deutlich später geborene Generationen etwas mit dem Agenten John Steed anzufangen. Während die insgesamt 161 Episoden dank ihres bunten Genre-Mix aus Krimi, Action und Science-Fiction zukunftsweisend waren, ist deren Kult-Charakter doch noch vielmehr auf die Unverwechselbarkeit des Protagonisten zurückzuführen – der ohne Bowler Hat und Schirm gar nicht vorstellbar erschien.

 

Sir Roger Moore twittert zum Tod von Patrick Macnee

„Verwachsen“ mit dem Regenschirm

John Steed dürfte der erste fiktive britische Agent gewesen sein, der die besonderen Talente des Regenschirms erkannte: Seit dieser seinen ständigen Begleiter dazu nutzte, um sich immer wieder elegant aus heiklen Situationen zu befreien, ist der Requisite ein fester Platz im Arsenal jeder geheimen Waffenkammer sicher. So kamen Schirme wie selbstverständlich auch in dem in diesem Frühjahr in die deutschen Kinos gekommenen Streifen „Kingsman – The Secret Service“ als unverdächtige Waffe zu neuen Ehren: Folglich ist das ursprünglich nur dem Regenschutz dienende Utensil inzwischen wohl der deutlichste Hinweis darauf, dass mit vornehm gekleideten englischen Herren nicht gut Kirschen essen ist.

Für Patrick Macnee hat sich die Kombination aus Schirm, Charme, Melone und Regenschirm dabei als ein zweischneidiges Schwert erweisen: Während ihm die Erfolgsserie aufgrund des Besitzes anteiliger Verwertungsrechte noch nach Jahrzehnten ein einträgliches Auskommen sicherte, stand der durchschlagende Erfolg seiner Paraderolle späteren Triumphen auf der Leinwand oftmals im Weg. Weil die Zuschauer mit dem Gesicht des Schauspielers stets den britischen Geheimagenten verbanden, musste er sich im gesetzteren Alter zumeist mit Nebenrollen und Gastauftritten begnügen: und selbst die etwas größeren Höhepunkte des „Alterswerk“ – etwa in „James Bond: Im Angesicht des Todes“ – waren in aller Regel als eine Hommage an die Figur des John Steed zu verstehen.

Als US-amerikanischer Staatsbürger verkörperte Macnee den Muster-Briten

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der eng mit der britischen Heimat verbundene Erfolg gänzlich konträr zur eigenen biographischen Lebenslinie verlief. Schließlich hatte der im Jahr 1922 in London geborene und in der südenglischen Provinz aufgewachsene Macnee der Insel aufgrund der anfangs ausbleibenden Rollen früh den Rücken gekehrt und in Kanada sowie den Vereinigten Staaten einen Neuanfang gewagt. Erst nach der Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft wurde der mittlerweile 39-Jährige für die Produzenten in der einstigen Heimat offenbar so richtig interessant: Dass Macnee dann jedoch ab 1961 in „Mit Schirm, Charme und Melone“ Fernsehgeschichte schrieb, schien im Gegenzug einer möglichen Karriere an seinem neuen Lebensmittelpunkt in Hollywood den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Zur tragischen Geschichte kann die Biographie von Patrick Macnee aber natürlich dennoch nicht einmal ansatzweise taugen; schließlich brachte ihm die Verkörperung des Agenten John Steed nicht nur einen festen Platz in der Ahnenreihe unsterblicher TV-Helden ein, auch in privater Hinsicht hat der Engländer nach anfänglichen Turbulenzen letztlich doch die Rolle seines Lebens gefunden. Nach zwei gescheiterten Ehen mit Barbara Douglas und der Schauspielerin Katherine Woodville lebte er seit der Hochzeit im Jahre 1988 bis zu deren Tod vor acht Jahren mit Baba Majos de Nagyzsenye zusammen; auf seinem Anwesen in Kalifornien fanden zudem die beiden Kinder aus erster Ehe Unterschlupf. Als Macnee vor wenigen Tagen am 25. Juni 2015 im hohen Alter von 93 Jahren verstarb, schaute er also auf ein rundum gelungenes Leben zurück – und jeder Regenschauer dürfte dafür sorgen, dass man sich auch künftig beim Aufspannen des Schirms seines größten Geniestreichs erinnert.