Ein Regenschirm als Stigma

Die richtigen Regenschirme – zur falschen Zeit

Obwohl sich Regenschirme gerade bei der aktuellen nasskalten Witterung fast täglich als verlässliche Retter in der Not erweisen, haben sich doch auch in hiesigen Breitengraden klammheimlich Parallelgesellschaften entwickelt, in denen der Schirm nicht sonderlich wohlgelitten ist. So erinnerte kürzlich eine sportliche Kolumne in den Westfälischen Nachrichten daran, dass sich der Profi-Fußball auch in Sachen Regenschutz längst von der normalen Welt abgekoppelt hat: An die Millionengagen scheint demnach unter anderen die Bedingung gekoppelt zu sein, sich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit selbst der unfreundlichsten Witterung gänzlich schutzlos auszuliefern.

Dass sogar die eigentlich eher passiv dem Spielgeschehen beiwohnenden Trainer ein gespaltenes Verhältnis zu Regenschirmen haben, ist nach den Ausführungen der WN auf die britische Daily Mail zurückzuführen, die im Jahr 2007 den damaligen Nationalcoach der Three Lions mit nur einer Schlagzeile vernichtete. Für die bedauerliche Tatsache, dass das Mutterland des Fußballs die Qualifikation zur EM 2008 im letzten Gruppenspiel mit einem Grottenkick vergeigte, wurde naturgemäß ausschließlich Trainer Steve McClaren verantwortlich gemacht, der den Untergang seiner Elf gedankenverloren unter einem Regenschirm verfolgte.

Mit der damaligen Titulierung als „Trottel mit dem Regenschirm“ hat McClaren bis in die Gegenwart zu kämpfen: So wurde etwa der Focus im vergangenen Herbst vom überraschenden Scheitern der holländischen Auswahl dazu ermuntert, in einer Zusammenstellung der größten europäischen Blamagen auch an „the Wally with the Brolly“ zu erinnern. Obwohl es für nahezu jeden Fußball-Klub selbstverständlich ist, in seinen Fanshops – auch als Werbegeschenke stets gern gesehene – Taschenschirme und Stockschirme mit dem hauseigenen Branding feilzubieten, scheint die Nutzung dieser Utensilien durch das angestellte Personal dem Gipfel der Verweichlichung zu entsprechen. Auf Steve McClarens Stockschirm prangten als Werbeanbringung immerhin die Three Lions und die Adresse „TheFA.com“ – nicht auszudenken was in den Boulevardblättern über ihn gestanden hätte, wenn er auch noch das Werbegeschenk seines heimischen Friseursalons benutzt hätte…

Dass inzwischen sämtliche Kollegen diesen etwas merkwürdigen Ehrenkodex verinnerlicht haben, kann nicht zuletzt das Beispiel des deutschen Bundestrainers erhellen: Demnach ist es für Jogi Löw zwar völlig opportun, sich während eines Pflichtspiels seiner Jungs mithilfe einem Nagelknipser in aller Seelenruhe zu maniküren; bei der WM in Brasilien vermied es der Schwabe zuvor dagegen aber tunlichst, bei einem schweren Regenschauer in Recife vorsichtshalber auch zum Schirm zu greifen.

Somit trifft kurioserweise ausgerechnet den Regenschirm das harte Los, im Profi-Fußball als Gipfel der Unmännlichkeit zu gelten: Dieser Stigmatisierung könnte es dann auch geschuldet sein, dass die ihren Idolen nacheifernde Gruppe der heranwachsenden Männer dem Schirm häufig nicht minder skeptisch gegenübersteht. Hopfen und Malz sind bei den Konsumenten von morgen aber mit Sicherheit noch nicht verloren – als Werbegeschenke überreichte Regenschirme probiert diese Zielgruppe eben ganz einfach nur gut versteckt hinter heruntergelassenen Jalousien aus.

Update: Steve McClaren war 2010 einige Monate Trainer des Vfl Wolfsburg und trainiert aktuell Newcastle United – ohne Schirm, aber leider bisher auch ohne Erfolg