Die Regenpresse: Regenschirme – Handlanger des Wahnsinns

Wagemut, Wahnsinn und Werbeschirme

Durften sich die Regenschirme noch in der vergangenen Woche von der schreibenden Zunft für ihre zahlreichen künstlerischen Talente feiern lassen, stellte sich nun beim jüngsten Streifzug durch den Blätterwald heraus, dass der gute Freund einer jeden Dauerwelle offenbar auch zum Treiben vom Schindluder bestens geeignet ist: In den letzten Tagen wussten hiesige Zeitungen nämlich gleich mehrfach von Schirmen zu berichten, die ihren Besitzern bei eher abseitigen „Heldentaten“ beiseite sprangen – um diesen Wagemut zumindest in einem Fall mit dem Leben zu bezahlen.

Allerdings hat die vom Spiegel in Erinnerung gerufene Anekdote von einem zu hoch hinauswollenden Regenschirm natürlich vielmehr noch eine menschlich-tragische Komponente: Schließlich nahm das Wochenmagazin den tödlichen Unfall von Erik Roner im Squaw Valley zum Anlass, um auf die atemberaubendsten Stunts des verunglückten Extremsportlers zurückzuschauen. Einen Ehrenplatz in diesem Sammelsurium an Verrücktheiten hatte sich dabei ein vor rund zwei Jahren vollzogener Fallschirmsprung mit einem Regenschirm verdient, bei dem der Kalifornier nach eigenen Aussagen auf den Spuren von Mary Poppins zu wandeln versuchte.

Zunächst angekoppelt an einen Heißluftballon hatte sich Roner bei jenem Experiment in luftiger Höhe ausgeklinkt, um in der Folge die Flugeigenschaften eines so wohl nicht im Einzelhandel erhältlichen grünen Regenschirms zu testen. Wie ein auf Youtube vorrätiges Beweisvideo dokumentiert, bremste der Ersatz-Fallschirm den freien Fall anfangs tatsächlich erheblich ab, bevor der gewaltige Schirm nach oben klappte und es den bespannten Stoff von den Speichen zog. Anschließend segelte der MTV-Star dieses Mal noch wohlbehalten an einem echten Fallschirm gemächlich der Erde entgegen.

Während Roner stets auf der Suche nach dem ganz persönlichen Nervenkitzel war, zieht es so mancher andere Zeitgenosse bedauerlicherweise vor, liebe seine Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen. So wusste der MDR in seinem Onlineangebot von einem zugreisenden Kanadier zu berichten, der auf der Fahrt von Budapest nach Dresden in der nicht unbedingt alltagstauglichen Montur eines japanischen Ninja-Kämpfers für Aufsehen sorgte. Ungute Gefühle riefen bei den Beobachtern vor allem die beiden auf den Rücken geschnallten Schwerter hervor – die sich bei der Überprüfung durch die Bundespolizei jedoch als zwei handelsübliche Stockschirme – erhaltene Werbegeschenke mit dem Werbeaufdruck eines Spieleherstellers – erwiesen.

Seinen fragwürdigen Auftritt rechtfertigte der 34-Jährige bei dieser Gelegenheit damit, Teilnehmer an einem offenbar etwas aus dem Ruder gelaufenen Spiel der Marke „Wahrheit oder Pflicht“ zu sein. Demnach wurde ihm „unter anderem“ die Aufgabe gestellt, die Fahrt von Ungarn zu seinem Wohnsitz in Bad Segeberg(!) in eben jener Kostümierung in Angriff zu nehmen. Uns ließ nach dieser Erklärung vor allem die Phrase „unter anderem“ mit einem großen Fragezeichen im Hinterkopf zurück: Im ungünstigsten Fall stellt sich die Mutprobe des falschen Ninjas schon bald lediglich als eine Art Aufwärmübung für noch deutlich aufsehenerregende Prüfungen heraus.

Um den Regenschirm nach derart viel Schabernack wieder halbwegs zu rehabilitieren, wird zum Abschluss der kurzen Presseschau nun aber doch noch einmal dessen soziale Komponente in den Mittelpunkt gestellt: Schließlich wurde auf Kickstarter für die Realisierung einer Erfindung geworben, dank der schutzbedürftigen Fremden ein freier Platz unter dem Schirm angeboten werden kann. Hierfür wird ein kleines Gerät in Form eines Donuts auf der Schirmspitze montiert, welches – der Lampe eines Taxis entsprechend – die Bereitschaft zum Teilen des Regenschirms signalisiert. Immerhin 202 Unterstützer haben 15.813 Dollar beigetragen, um die Verwirklichung des Projekts zu ermöglichen.

Der Regenschirm-Aufsatz Umbrella Here wurde auch realisiert und ausgeliefert

Über Kickstarter wurde der Aufsatz für Stockschirme mit dem Namen Umbrella Here finanziert

Als Werbeschirme in eigener Sache könnten sich die passenderweise als „umbrella here“ betitelten Gadgets insbesondere bei Singles schon bald nennenswerter Beliebtheit erfreuen; dank der freien Skalierbarkeit bieten jedoch nicht nur Taschenschirme, sondern auch eher an Großfamilien gerichtete größere Regenschirme die Möglichkeit, als freundlicher Unterschlupf Verwendung zu finden. Für zerstreute Schirmbesitzer ist dagegen wohl vor allem die Koppelung des Gerätes mit dem Smartphone interessant: Schließlich schlägt dieses angeblich Alarm, sobald der Regenschirm wieder einmal vergessen zu werden droht.