Japan und seine Regenschirme

Idee gut, doch die Welt noch nicht berei?

Wird in den hiesigen Medien schon seit längerer Zeit in unregelmäßigen Abständen die immer kürzere Halbwertszeit von billigst produzierten Regenschirmen beklagt, scheint der Siegeszug des Einwegschirms in anderen Teilen der Erde sogar noch unaufhaltsamer fortgeschritten zu sein.
Der von dem im Zürich beheimateten Webportal asienspiegel.ch eröffnete Blick über den Tellerrand lässt etwa auf eine vollendete Entwertung des Schirms im Fernen Osten schließen, der namentlich in Japan zu einem Symbol der Wegwerfgesellschaft geworden ist.
Von der allgemeinen Missachtung sind dabei freilich nur die für „einen Appel und ein Ei“ erhältlichen Plastikregenschirme betroffen, die sich – wie ein kurzer Spaziergang durch eine beliebige Stadt verrät – in den japanischen Metropolen jedoch längst als stilprägend erweisen.
Passend zum Material und dem Preis wird diesen Modellen ein ähnlicher Stellenwert wie der Plastiktüte beigemessen; eilig weggeworfene Regenschirme lassen die öffentlichen Papierkörbe im Land des Lächelns regelmäßig überquellen.
In den Mülleimern finden sich dabei freilich nur die ordnungsgemäß entsorgten Stock- und Taschenschirme ein: Viele andere Exemplare bleiben hingegen nicht nur aus reiner Gedächtnisschwäche nach einmaligem Gebrauch in den Verkehrsmitteln liegen.Diese so gar nicht zum japanischen Image passende Unachtsamkeit ruft nicht mehr ökologisch versierte Kritikern der Wegwerfgesellschaft auf den Plan; auch von Verwaltungsbeamten und Gewerbetreibenden wird den wachsenden Müllbergen zunehmend der Kampf angesagt. In zahlreichen Städten wurden in den vergangenen Jahren deshalb mehr oder weniger komplexe Schirm-Verleihe-Systeme eingeführt, die es überflüssig machen sollen, sich bei einem der häufigen Regenschauer schnell mit einem weiteren Einwegregenschirm einzudecken.Stattdessen halten Bahnhöfe, Tankstellen und Geschäfte für den Fall der Fälle hunderte kostenlose Leihexemplare bereit, die sich nach den ersten Wasserstandsmeldungen tatsächlich eines reißenden Absatzes zu erfreuen scheinen.
Ärgerlicherweise werden diese gleichfalls günstig produzierten Stockschirme von den allermeisten Kunden jedoch vor allem als kostenlose Werbegeschenke hochgeschätzt; von den ursprünglichen angeschafften 1500 Schirmen war der Bestand etwa in Okatu bereits bei der ersten Inventur auf nur noch 40 Exemplare geschrumpft.

Da Hokodate einen ähnlichen Schwund zu beklagen hatte, erweisen sich Leihschirme in Japan offenbar noch nicht als der Weisheit letzter Schluss. Folgerichtig ist diese Idee vermutlich auch in anderen Breitengraden mit einiger Vorsicht zu genießen. Wenngleich sich Quartiermanager und Unternehmer in Deutschland von Leihschirmen in erster Linie eine Belebung der Innenstädte erhoffen, könnte durchaus auch zwischen Flensburg und Freiburg schon bald eine gähnende Leere in den entsprechenden Schirmständern zu konstatieren sein.

Diese Gefahr liegt auch deshalb auf der Hand, weil ansässige Firmen die Leihexemplare häufig als Werbefläche nutzen – weshalb Kunden die ebenso praktischen wie zumeist hochwertig verarbeiteten Regenschirme nur zu gern als Werbegeschenke missverstehen.